Kapitel 6
Totenbleich musterte Luka den Platz, an dem noch vor wenigen Sekunden Vittorio Cameri gesessen hatte. „Vittorio hat sich aufgelöst“, presste Tessa völlig fassungslos heraus.
Wären in den letzten Stunden nicht schon so viele eigentlich Unmögliches passiert, dann hätten die beiden das Verschwinden von Vittorio vielleicht noch als optische Täuschung zu erklären versucht. Langsam aber fingen sie an zu begreifen, dass diese Welt um sie herum doch existierte und sie nicht durch Zufall hier gelandet waren. Dieser alte Mann – und vielleicht sein Helfer? – hatten ihren Ausflug in die Zukunft geplant. Wer half ihnen jetzt weiter?
„Warum ist er verschwunden?“, wunderte sich Luka. „Er war der Einzige, den wir in dieser verrückten Welt kannten. Wie soll es jetzt weitergehen?“
Tessa ging um den Tisch herum, und sah sich Platz, von dem Vittorio Cameri verschwunden war, genauer an. „Wir dürfen uns jetzt nicht hängen lassen“, meinte sie tapfer und schaute unter die Bank. „Glaubst du, seine letzten Worte haben irgendeine Bedeutung?“
„Ja, ich nehme es an. Darüber denke ich schon die ganze Zeit nach. Was sagte er noch? Muss zurück, sucht Katharina und Simon, schnell, Rabanus, alles verloren.“
„Du hast die Inschrift vergessen“, warf Tessa ein. Sie kam jäh wieder hoch und legte eine alte, abgewetzte, aus nussbraunem Leder gefertigte Tasche auf den Tisch.
„Na, da hat Vittorio anscheinend etwas vergessen. Mal schauen, was er so mit sich herumgeschleppt hat.“ Tessa steckte vorsichtig seine ihre Hand in die Tasche, nur um sie blitzschnell wieder herauszuziehen. „Iiihh!“, schrie sie laut auf und verzog ihre Gesicht vor Ekel.
Mädchen, dachte Luka im Stillen. Er nahm neugierig die Tasche, und griff ohne Zögern hinein. Tessa schaute ihm interessiert zu.
Luka ertastete in der Tasche etwas sehr Kaltes und Weiches. Wackelpudding, war sein erster Gedanke, doch der Glibber, wie er ihn im Stillen nannte, klebte als Masse fest zusammen wie Kaugummi.
Vorsichtig zog er das glatte Etwas, das ungefähr die Größe einer Erwachsenenhand hatte, aus der Tasche, was gar nicht so einfach war, weil es sich dermaßen an dem Leder festsaugte, dass Luka viel Geschick benötigte, um es herauszubekommen.
„Was ist das denn?“, fragte Tessa angewidert. „Ein durchsichtiger Schleim. Und wie glibberig der ist. Ääh!“
„Guck mal genau hin, Tessa. Irre ich mich, oder lebt dieses Zeug?“, meinte Luka fasziniert; seine Nase berührte fast das seine Hände.
Und tatsächlich sah es so aus, als lebte das schleimige Etwas. Es bewegte sich leise vor sich hinschmatzend, schlängelnd auf Lukas Händen herum, wobei es kleine Bläschen formte, die nach kurzer Zeit leise zerplatzten. Innerhalb weniger Minuten bildete sich ein dünner, glatter Film, der die Hände von beiden Seiten umschloss.